Allgemeine Informationen – Geschichte der medizinischen Versorgung in der Evangelischen Stiftung Volmarstein*


[Einweihung der Klinik am 26.Juni 1931]

Einweihung der Klinik am 26. Juni 1931

1. Die Medizinische Rehabilitation als wesentliche Säule in der Geschichte der Evangelischen Stiftung Volmarstein

Die Geschichte der Orthopädie in der Evangelischen Stiftung Volmarstein ist weit älter als die Geschichte der Orthopädischen Klinik selbst. Sie beginnt mit der Gründung der Evangelischen Stiftung im Jahr 1904 mit der nebenamtlichen ärztlichen Tätigkeit des Volmarsteiner Praktischen Arztes Dr. med. Breidenbach. Dieser hatte seine orthopädischen Kenntnisse in einem Ausbildungskurs im Hüfferstift Münster erlangt.

1.1. Die Aufnahme ärztlicher Tätigkeit

Der Volmarsteiner Dorfpfarrer und Gründer der heutigen Evangelischen Stiftung Volmarstein, Franz Arndt, hatte Dr. Breidenbach gebeten, die medizinische Versorgung seines neu gegründeten Heims, des Krüppelheims Johanna-Helenen-Heim, zu übernehmen. Die Gründung dieser Einrichtung fußte vornehmlich auf Arndts sozial-diakonischem Engagement, dem bereits vorige Gründungen in Volmarstein zu verdanken waren.

Insbesondere durch die rasante Industrialisierung und die damit verbundene Bevölkerungsexplosion im Ruhrgebiet, aber auch mit den teils menschenunwürdigen und krankmachenden Lebensverhältnissen, wie schlechten Wohn- und Ernährungssituationen sowie zahlreichen Unfällen in den Stahl- und Bergwerken, unter denen die Industriearbeiter zu leiden hatten war es zuvor z.B. zur Gründung eines Sanatoriums für Arbeiter in Grundschöttel ("Arbeitergenesungsheim") 1900 gekommen. Zuvor hatte Arndt mit einem Altenheim (1882) und einem Damenstift (1887) sein Engagement für soziale Nöte seiner Gemeinde unter Beweis gestellt.

Zur Zuwendung zu dem damals in Westfalen weitgehend brachliegenden Bereich der Körperbehindertenhilfe (Orthopädie / Rehabilitation) trug sicherlich auch Arndts körperbehinderte Tochter Margarete bei. Hier wurde für den Gründer ganz persönlich offensichtlich, welch bescheidene Möglichkeiten der medizinischen Versorgung sowie der Therapie- und Rehabilitationsmöglichkeiten in dieser Zeit in Westfalen vorhanden waren. Nach zeitgenössischen Schätzungen gab es in dieser Region rund 25.000 körperbehinderte Menschen, die weitgehend unversorgt waren.

Arndts erste Einrichtung für körperbehinderte Menschen in Westfalen wurde als Komplexeinrichtung für rund 100 Menschen errichtet. Neben Wohn-, Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten beherbergte es bereits Abteilungen für innere und äußere Erkrankungen.

In den ersten Jahren lag die Belegung des Johanna-Helenen-Heims zwischen 40 und 50 Patienten, wozu noch 30 bis 40 Ortskranke kommen. Gewährleistet wird die Pflege von 5 Sarepta-Schwestern (Bethel), 3 Dienstmädchen und einem damals so genannten "Wärter".

1.2. Entwicklung der medizinischen Möglichkeiten

Aufgenommen wurden Patienten mit Rachitis, Skoliose, Klumpfüßen, Kinderlähmung, Kontrakturen und Knochenturberkulose. Anhand dieser Diagnosen wird die Einordnung in sozial-bedingte Entstehungsgründe für Körperbehinderungen bereits deutlich.

Zwar wurden einfache Operationen durchgeführt, doch der Schwerpunkt lag in der Therapie durch Orthopädisches Turnen. Im Gesamtkonzept Arndts war die medizinische Entwicklung eine Grundsäule, die das Gebäude aus Ausbildung und Schule, Beschäftigung in Werkstätten sowie die Versorgung alter Menschen trug. Zwei Lehrerinnen unterrichten bereits im Jahr 1906 die schulpflichtigen behinderten Kinder und Jugendlichen, die anderen wurden in verschiedenen Berufen ausgebildet.

Im Jahr 1909 verließ Dr. Breidenbach die Einrichtung, um den Chefarztposten im Sanatorium Volmarstein, eine Gründung Arndts im Zusammenhang mit seiner Vorsitztätigkeit im Evangelischen Arbeiterverein, anzunehmen.

[Dr. Lothar Gau mit Röntgengerät]

Als erster hauptamtlicher Arzt wurde Dr. Lothar Gau berufen. Dieser hatte in Berlin (Assistenzarzt im Oberlinhaus Potsdam-Babelsberg, später unter Prof. Dr. Benda im Pathologischen Institut Urban in Berlin unter Prof. Jochimsthal und Prof. Biesalski) seine Ausbildung absolviert und nahm am 1. Juni 1909 seine Arbeit in Volmarstein auf. Er trug in den folgenden Jahrzehnten zur Integration sozialer, medizinischer und diakonischer Arbeit im besonderen Maße bei. Mit einem hauptamtlichen Arzt wurde jetzt vieles möglich, was früher nur wünschenswert gewesen war. Der damalige Vorstand bewilligte Mittel zum Ausbau der medizinischen Tätigkeit. So konnten moderne Operations-, Verbands- und Sterilisationsräume eingerichtet und eine Röntgeneinrichtung gekauft werden. Auch ein medico-mechanischer Übungssaal wurde eingerichtet. Zur Anwendung kamen bereits Massagen und (nach der späteren Elektrifizierung des Gebäudes) verschiedene elektrische Apparate.

Die Krankenabteilung verfügte kurz nach Gaus Übernahme der Chefarzttätigkeit über 30 Betten, von denen 16 für chirurgisch-orthopädische, 9 für innere Fälle und 5 für Ortskranke zur Verfügung standen. Im Jahr 1910 wurden bereits 143 Klinikpatienten aufgeführt. Diese Zunahme führte zu beträchtlichen Raumproblemen. Sie wurden zunächst mit der Aussiedlung der männlichen Auszubildenden in das neu gebaute Hermann-Luisen-Haus (1910/1911) gelöst, später dann durch den Erwerb des Gutshofes Grünewald (1913). Hier erfolgte nicht nur eine Ausbildung in landwirtschaftlichen Berufen. Der Gutshof stellte vielmehr auch die Ernährungssituation der Gesamteinrichtung auf stabile Füße, eine wesentliche Voraussetzung für den Heilungs- und Gesundungsprozess.

Im Ersten Weltkrieg wurden im Johanna-Helenen-Heim 50 Betten und im Sanatorium Volmarstein, das aus finanziellen Gründen an die Ruhrknappschaft veräußert worden war und jetzt den Namen "Knappschaftsgenesungsheim Volmarstein" trug, 75 Betten als Reservelazarett eingerichtet. Dr. Gau erhielt die Kommandierung als Chefarzt beider Lazarettabteilungen.

Im Laufe des Kriegs wurden hier hauptsächlich Amputierte behandelt und eine "Gliederersatzabteilung" (Prothesenversorgung) angeschlossen.

Insgesamt wurden stationär in den Jahren bis 1921 im Reservelazarett Johanna-Helenen-Heim 916, im Genesungsheim 885 und so insgesamt 2471 Soldaten behandelt. Die "Gliederersatzabteilung" betreute in dieser Zeit etwa 4.000 Kriegsversehrte. Ein großer Teil der Prothesen und sonstigen orthopädischen Hilfsmittel wurde von den damals bereits leistungsfähigen orthopädischen Werkstätten in Volmarstein hergestellt. Zudem fand hier in beträchtlichem Ausmaß eine Umschulung Kriegsversehrter in typische Behindertenberufe statt.

Mit dem 1. Preußischen Krüppelfürsorgegesetz entstand 1920 eine sozialpolitisch gesicherte ökonomische Basis der Gesamteinrichtung, da hier Leistungsansprüche geregelt wurden. Zahlreiche Behörden (Sozial- und Gesundheitsämter) holten sich in Volmarstein Rat.

Im Jahr 1920 wurden für die Ambulanz 170 Patienten dokumentiert, im Jahr 1929 bereits 1.000 Patienten.

Auch in den übrigen Bereichen der Stiftung stiegen die Zahlen beträchtlich an, so dass die Einrichtung ausgebaut wurde. So entstanden das Kriegsinvalidenheim Franz-Arndt-Haus (1922), das Heim für weibliche Auszubildende, das Margaretenheim und auch eine Außenstelle in Hagen Berchum (1925 zunächst gemietet, 1927 gekauft).

Die Pflege der Patienten wurde ab dem 1. Juli 1920 vom Wittener Diakonissenhaus sichergestellt (in Ablösung der Betheler Schwestern). Zur gleichen Zeit übersiedelte die Brüderanstalt "Martineum" von Witten nach Volmarstein. Die Schwestern wurden geleitet von Hermine Muhlmann im Operationsbereich, unterstützt ab 1922 von der Diakonisse Ida Eickhoff, die später leitende OP-Schwester wurde, die Apotheke betreute, Röntgendienste versah und 48 Jahre Dienst in Volmarstein leistete.

Das Johanna-Helenen-Heim entwickelte sich zum Schwerpunkt der medizinischen Versorgung für die Region rund um Volmarstein. Am 1.2.1922 konnte eine neu geschaffene Arztstelle durch den späteren Oberarzt Steinrück besetzt werden. Im Juli 1925 übernahm die Kinderärztin Dr. Niemöller die ärztliche Versorgung des Säuglingsheims. In dieser Abteilung versahen die Schwestern Anna Schmidt (ab 1924) und Herta Hallenberger (ab 1929) über 40 Jahre ihren Dienst.

Die erfolgreiche und fachlich fundierte Arbeit in Volmarstein brachte es mit sich, dass nicht nur für die hier betreuten Menschen gearbeitet wird, sondern auch auswärtige Sprechtage, vertrauensärztliche Aufgaben, Krüppelberatungen und Begutachtungen für Orthopädische Versorgungsstellen in der näheren und weiteren Umgebung durchgeführt werden und die Ärzte im Martineum unterrichten.

Die Klinische Abteilung im Johanna-Helenen-Heims wurde einschließlich Säuglingsheim bis zum Jahr 1925 auf 100 Betten erweitert. Diese Erweiterung brachte es auch mit sich, dass 1928 noch zwei weitere ärztliche Stellen eingerichtet wurden, so dass bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges insgesamt vier Ärzte in Volmarstein ihren Dienst versahen.

Patienten mit Knochen- und Gelenktumoren wurden in einer Spezialabteilung in Form von Freiluft-Liegekuren nach den Methoden des weltbekannten Schweizer Arztes Rollier behandelt.

Die seit dem Ende des Ersten Weltkrieges andauernde Zunahme von Mangelernährungs- und Notstandserkrankungen wie Rachitis und TBC, aber auch Kinderlähmung und spastische Leiden sowie die Erweiterung sozialer Tätigkeiten in der Anstalt führten zu einem weiteren Raummangel, der sich nur durch den Neubau einer eigenen Orthopädischen Klinik beheben ließ.

2. Der Bau der Orthopädischen Klinik Volmarstein

So wurde unter der Anstaltsleitung von Pastor Dr. h.c. D. Vietor der Plan gefasst, eine großzügige Klinik zu errichten. Der Anstaltsarchitekt Kröber entwarf einen modernen, großzügigen Bau mit 150 Betten. Die Grundsteinlegung dazu erfolgte am 2. August 1929 zugleich mit dem 25. Jahrestag des Bestehens der Volmarsteiner Einrichtung. Ihr Name lautete damals: "Klinik am Hensberg".

[Klinik in den Dreißiger Jahren]

Nach etwa zweijähriger Bauzeit wurde die Klinik am 26. Juni 1931 eingeweiht. Die Leitung hatte Dr. Gau, seine Ärzte waren der Oberarzt Dr. Steinrück, Dr. Bandelier sowie Dr. Deike. Oberin wurde die Diakonisse Emma Flake.

Zeitgenössischen Berichten zufolge arbeitete die Klinik auf internationalem Niveau und brauchte keinen Vergleich mit anderen Spezialkliniken zu scheuen. Selbst zwei Bettenschulklassen zur Unterrichtung bettlägeriger Kinder waren vorhanden.

Leider konnten immer noch nicht alle Patienten in den modernen Räumlichkeiten untergebracht werden. So verblieben eine Abteilung mit 23 Betten für knochentuberkulöse Knaben in der alten Klinik im Johanna-Helenen-Heim und 15 Betten für kranke Säuglinge im Säuglingsheim.

Im Jahr 1931 fanden 551 Patienten Aufnahme in der Klinik. Bei insgesamt 62.775 Pflegetagen betrug die durchschnittliche Verweildauer somit 113 Tage, wesentlich bedingt durch die damals lange Behandlungszeit bei Tuberkulose.

Dr. Gau war während seiner Chefarztzeit nicht nur orthopädisch, sondern auch chirurgisch und internistisch tätig. Selbst als über Land fahrender, zu Notfällen gerufener Allgemein-Mediziner wurde er immer wieder aktiv und leitete zudem die Entbindungsstation. 1931 leistete er 13 Kindern Geburtshilfe, im Jahr 1934 bereits 48, 1937 und 1939 je 60 und im Kriegsjahr 1940 sogar 75 Kindern. Er genoss in Fachkreisen, aber auch bei der Bevölkerung allseits großes Ansehen. Seine hohe Reputation trug möglicherweise dazu bei, dass Dr. Gau in der Zeit des Nationalsozialismus zwar wegen seiner teiljüdischen Vorfahren von der Vorstandstätigkeit ausgeschlossen wurde, aber ansonsten unbehelligt weiterarbeiten durfte.

Bis zum Jahr 1934 wurde die Behandlung im Turnsaal der Klinik durch die Diakonisse Helene Brünecke geleitet. Ihre Nachfolge treten dann zwei jüngere, vom Sanitätsrat Dr. Lubinus in Kiel ausgebildete Heilgymnastinnen an. Sie erweiterten mit ihrem speziellen Wissen die Therapiemöglichkeiten deutlich. 1939 wurde der erste Masseur- und Badewärter eingestellt.

Im ärztlichen Bericht von 1935 wurde darauf hingewiesen (und bis in die ersten Nachkriegsjahre hinein fortgesetzt), dass im Sinne einer allgemeinen Volksgesundheit Mittel der Anstalt zur Verfügung gestellt wurden, um größere Mengen von Blut zur Herstellung von Serum gegen Kinderlähmung zu schaffen.

[Soldaten des 2. Weltkrieges]

Innerhalb von 48 Stunden nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 wurde in der Klinik ein Reservelazarett eingerichtet, was die Verlegung zahlreicher Zivilkranker in andere Heime der Anstalten erforderte. Die ärztliche Versorgung des Lazaretts wurde von zwei Militärärzten übernommen, wozu der Oberarzt Steinrück abkommandiert und die Ärztin Dr. Weber nach auswärts dienstverpflichtet wurde. Dr. Gau blieb für die Leitung der Orthopädischen Abteilung zuständig.

Im ersten Kriegsjahr erkannten die Berufsgenossenschaften "Volmarstein" auch als Unfallklinik an und der Chefarzt wurde zum Durchgangsarzt bestallt, ein Status, der bis heute ununterbrochen andauert.

3. Nachkriegszeit

Nach Kriegsende wurde auf Veranlassung der Militärregierung die Bettenzahl auf 330 erhöht. Diese große Zahl blieb gänzlich kranken und verwundeten Soldaten vorbehalten: Die Orthopädie musste wieder ins Johanna-Helenen-Heim umziehen. Dieser Zustand bestand bis zum 15. Mai 1964.

Zum 1.11.1945 wurde Dr. Otto Bohne, ein Schüler Konrad Biesalskis am Oscar-Helenen-Heim in Berlin und bis zum Kriegsende Chefarzt an der Orthopädischen Klinik in Magdeburg-Cracau tätig, stellvertretender Chefarzt. Er rückte nach dem Ausscheiden von Dr. Gau am 4.7.1974 (70. Geburtstag) auf den Sessel des Chefarztes.

Der Oberarzt Steinrück wurde am 1. Juni 1948 nach über 26-jähriger Arbeit pensioniert und verstarb nur wenige Monate später. Seine Stelle nahm am 1.5.1949 der Orthopäde Dr. Alfred Katthagen ein, der bereits seit dem 15.3.1946 als Assistenzarzt tätig war. Er hatte sich durch mehrmonatige Tätigkeit als Gastarzt bei Dr. Becker (dem Vater des späteren Chefarztes Prof. Dr. Wolfgang Becker) in der Orthopädischen Klinik Altdorf bei Nürnberg, bei Prof. Max Lange im Orthopädischen Versorgungskrankenhaus Bad Tölz sowie bei Professor Lindemann in der Orthopädischen Klinik Annastift in Hannover vorbereitet.

Das Hauptaugenmerk legte die neue Klinikleitung auf die Orthopädie und Unfallchirurgie. Die Bereiche allg. Chirurgie, Inneres, Gynäkologie und Geburtshilfe wurden nicht mehr abgedeckt. Zu diesem Schritt zwang allein schon der große Andrang an Patienten, die es aufgrund der Kriegseinflüsse zu versorgen galt. Tuberkulose, Nachamputationen, Unterentwicklungen und Lähmungsfolgen verlangten nach einer starken Ausweitung sowohl des operativen als auch des konservativen Therapieangebotes. Neue Behandlungswege wurden notwendig.

3.1. Die ersten Implantate

Auf dem Orthopädenkongress 1947 in Heidelberg berichtete Dr. Bohne über operative Gelenkplastik mittels Glasgelenken (später Plexi- und Vitalliumkappen), die seit 1946 an der Orthopädischen Klinik Volmarstein bei Hüfterkrankungen angewandt wurden.

Die Kriegsfolgen machten häufig Nachamputationen, Sanierungen von Knochen- und Gelenkinfektionen, Hautplastiken und ähnliche Eingriffe aus dem Gebiet der orthopädischen Wiederherstellungschirurgie notwendig. Insbesondere wegen der vielen Patienten mit Knochen- und Gelenktuberkulose drängte die weitere bauliche Erweiterung der Klinik.

So entstand die Klinik II in den Jahren zwischen 1949 bis 1952. Sie wurde am 20.4.1952 ihrer Bestimmung übergeben. Sie verfügte über 65 Kranken- und 35 Personalbetten. Die bauliche Anbindung an die Klinik I ließ sich aufgrund des felsigen Untergrundes zu dieser Zeit nicht realisieren.

In diesen Jahren waren durchschnittlich 100 bis 120 Patienten wegen Knochen- und Gelenktuberkulose ständig in der Klinik. Die Erfahrungen auf diesem Gebiet gaben auch Anlass zu vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen und beflügelten die rehabilitative Schul- und Berufsausbildung.

Im Jahr 1950 fand eine Konferenz von Vertretern der Körperbehindertenanstalten der Inneren Mission, der Caritas und der Dt. Vereinigung für Rehabilitation in Volmarstein statt. Zielsetzung war es, den Entwurf eines neuen Fürsorgegesetzes zu skizzieren. Dies geschah als "Volmarsteiner Entwurf", der am 6.12.1956 vom Deutschen Bundestag als "Körperbehindertengesetz" beschlossen und am 27.2.1957 verkündet wurde. Erst mit diesem Gesetz wechselte übrigens auch amtlich der Begriff des "Krüppels" zur Bezeichnung "Körperbehinderter".

Mit der Klinikerweiterung wurden Personalverstärkungen notwendig. So waren nun durchschnittlich drei bis vier Assistenzärzte tätig. Im Jahr 1950 übernahm eine Medizinisch-Technische Assistentin (MTA) die Röntgenarbeiten und ein Jahr später kam eine weitere MTA für Laborarbeiten hinzu.

Nicht nur im Klinikbereich wurden neue Impulse gesetzt. Auch von der Ausbildung gab es Neues zu berichten. So wurde nach dem Krieg eine Einschulungsabteilung für Kriegsversehrte eingerichtet, die Versorgung mit Prothesen und Orthesen, die Bandagenerstellung und die Orthopädie-Schuhmacherei stark erweitert. Ab Mitte der 50er Jahre wurden unter der Leitung des damaligen Leiters der Lehrwerkstätten, Dr. phil. Pürschel, die Ausbildungsmethoden geändert und wesentlich verbessert. Maßgeblich war hierbei die Teamarbeit von Ärzten, Orthopädiemechanikern und Ausbildungsfachleuten der Einrichtung, die gemeinsam Arbeitshilfen entwickelten und damit neue Ausbildungsberufe z.B. im Metallbereich möglich machten (Aufbau der mechanischen Werkstätten ab 1958 bis 1960). Dies bedeutete auch eine Zuwendung zur industrienahen Ausbildung und damit eine Verbesserung der beruflichen Integrationsmöglichen für behinderte Menschen in der sich rasch entwickelnden Wirtschaftswunderzeit. Die medizinische Betreuung der Rehabilitanden bis hin zur Beratung am Arbeitsplatz wurde vom Oberarzt der Klinik wahrgenommen.

Am 31.3.1960 trat Dr. Bohne aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand und der bisherige Oberarzt Dr. Alfred Katthagen wurde Chefarzt. Dieser würdigte bei seinem Amtsantritt insbesondere die Leistungen Dr. Bohnes in seinem Bemühen, die medizinischen Aufgaben auf die Orthopädie zu zentrieren, aber auch die positive Gesamtentwicklung in der Volmarsteiner Körperbehindertenarbeit. Hervorgehoben wird die große Zahl von 30 wissenschaftlichen Arbeiten und Referaten, die von ihm und seinen Mitarbeitern in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht und auf Tagungen gehalten wurden. Dr. Bohne war von 1954 bis 1960 im Beirat der D.O.G (Deutsche Orthopädische Gesellschaft), Mitglied des Vorstandes der Deutschen Vereinigung für Körperbehindertenfürsorge, außerdem im Vorstand der Deutschen Evangelischen Anstalten für Körperbehinderte tätig. Er wurde für seine Verdienste um körperbehinderte Menschen im Jahr 1954 vom Zentralausschuss der Inneren Mission mit der Wichernplakette ausgezeichnet.

Klinik-Oberarzt wurde Dr. Laas, der als früherer Chirurg und nach seiner orthopädischen Fachausbildung im Annastift Hannover unter Prof. Gardemin besondere Erfahrungen in der Chirurgie besaß.

Der bisherige Assistenzarzt Dr. Muthmann erhielt die neu geschaffene Oberarztstelle für den rehabilitativen Bereich, wurde also zuständig für alles, was aus medizinischer Sicht die Schul- und Berufsausbildung betraf.

Durch diese Arbeitsteilung und Spezialisierung wurde ein weiterer Aufschwung der klinischen Tätigkeit möglich. Insbesondere spürbar wurde dies bei der Zunahme der Hüft-, Knie- und Fußchirurgie. Modernisierungen im Operationsbereich folgten ebenso wie Erweiterungen im Nachbehandlungsbereich. Im Oktober 1961 wurde eine eigene Abteilung Beschäftigungstherapie unter der Leitung von Frau Schlüter eröffnet, die in den Folgejahren immer wieder erweitert und dem Stand des Medizinwissens angepasst wurde.

Am 16.3.1962 konnte neben der Klinik ein Schwesternwohnheim eingeweiht werden, wodurch Personalbetten aus Klinik II frei wurden. Sie wurden fortan mit beschulungspflichtigen Kindern und Privatpatienten belegt. In einem vollwertigen Sonderschulprogramm unterrichteten hauptamtliche Lehrer die Kinder.

1963 wurde zwar die Bäderabteilung vergrößert und modernisiert, konnte aber trotzdem schon bald nicht mehr den Ansprüchen genügen. Die Klinik II erhielt nach Umbaumaßnahmen eine spezielle Station für Säuglinge und Kleinkinder und es wurden entsprechende Stellen für Ärzte, Krankengymnasten sowie Masseure und med. Bademeister eingerichtet. Dr. Bleicher besetzte die Stelle eines Facharztes für Kinderheilkunde und wurde 1967 zum Oberarzt ernannt.

Mitte der 60iger Jahre wurde, auch wegen der zunehmenden Aufgabenfülle, der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal besonders deutlich. Immer weniger neue Diakonissen kamen in die Mutterhäuser und folglich konnten fortan nur noch wenige Diakoniestellen besetzt werden. Im Jahr 1966 wurden die Diakonissen aus Witten in das Mutterhaus zurückgerufen und auch die Betheler und Königsberger Diakonissen zogen sich zunehmend aus den Heimen und aus der Pflege zurück.

Um den immer größer werdenden Mangel an deutschen Krankenschwestern zu kompensieren wurden im Ausland Pflegekräfte angeworben. Im Sommer 1966 kamen erstmalig Krankenschwestern aus Korea nach Volmarstein, dann von den Philippinen, aus Indien, zeitweise auch aus Finnland, Spanien, Jugoslawien und Südamerika. In dieser Zeit versah Oberin Naber die Pflegedienst- und Hauspersonalbetreuung. Die Mitarbeiterschaft der Klinik beträgt Mitte der 70iger Jahre rund 160 Köpfe.

Durch die Dysmeliewelle in Deutschland (Conterganschädigungen) kamen rund 5.000 Kinder in die Schulausbildung und würden später in eine Berufsausbildung streben. Krankengymnastische und ergotherapeutische Aufgaben der ab 1967 fertiggestellten Oberlinschule und des Oscar-Funcke-Hauses wurden vom Klinikarzt Dr. Barthelmai übernommen.

Im Johanna-Helenen-Heim baute eine ehemalige Klinikmitarbeiterin, Frau Holch, eine eigenständige Beschäftigungstherapieabteilung für sie auf, die sich nachher im Haus Bethanien (1981) um alle Bewohner kümmert.

Der bisherige Klinik-Oberarzt Dr. Muthmann wechselte 1970 auf die Stelle des Leiters der Medizinischen Abteilung im Bereich Schul- und Berufsausbildung (der heutigen Rehabilitationsmedizin). Seine freiwerdende Stelle in der Klinik besetzte Dr. Garlepp. Als besondere Aufgaben übernahm er den Aufbau einer gesonderten Anaesthesieabteilung und im Zusammenwirken mit dem neuen Rechenzentrum (heute Rechenzentrum Volmarstein GmbH) die schrittweise Einführung der medizinischen Dokumentation.

4. Weiterer Ausbau der Klinik

Im Dezember 1969 konnte die erste Baustufe der Klinikanbauten begonnen werden. Der Westflügel entstand unter der Leitung des Architekten Baunscheid und beherbergte eine moderne Krankengymnastische Abteilung, drei moderne Pflegestationen sowie die Aufwachabteilung mit den Möglichkeiten der automatischen Patientenüberwachung. Auch eine neu gestaltete Klinikkapelle wurde in dem 1973 in Betrieb gehenden Bauteil eingerichtet.

Durch die wesentlich erweiterten baulichen und therapeutischen Möglichkeiten und - mit ihr verbunden - größerer Personalstärke - wurde 1977 die bisherige Abteilung getrennt. Seitdem besteht eine selbstständige Massage- und Bäderabteilung.

Dr. Katthagen wurde 1970 vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie mit der Bildung und Leitung des Arbeitskreises für Rehabilitation beauftragt. Im Januar 1971 fand in Volmarstein die erste Konstituierende Sitzung statt, bei der Vertreter fast aller deutschen Orthopädischen Kliniken und Rehabilitationszentren anwesend waren. Die Bettenzahl betrug zu dieser Zeit 255 und die Orthopädische Klinik zählte zu den größten Fachkliniken der Bundesrepublik. Eine Reihe von Examensarbeiten und Dissertationen belegen die herausragende Bedeutung der Volmarsteiner Klinik.

Mit zunehmender Größe und Spezialisierung drängen immer mehr Patienten nach Volmarstein, das aber neuerliche Ausbaupläne wegen des Ausbleibens finanzieller Zuweisungen nicht verwirklichen konnte. Mitte der 70iger Jahre erfolgte provisorisch ein Umbau der Operationsabteilung, um eine bessere Isolierung zu gewährleisten und größeren hygienischen, technischen und besonders anaesthetischen Grundforderungen zu entsprechen. Dazu wurde die Klinikapotheke ausgelagert und das Röntgenarchiv ins Klinikuntergeschoss verlegt.

Erst im Herbst 1979 kamen durch finanzielle Zusagen von Land und Bund die baulichen Erweiterungen der Klinik (Verbindungstrakt zwischen den Kliniken I und II) wieder in Schwung.

Am 1.4.1981 übergab Dr. Alfred Katthagen seine Leitungsfunktion nach 35 Jahren in Volmarstein an seinen Nachfolger, Prof. Dr. Wolfgang Becker.

Mit Prof. Becker kam auch der Oberarzt Dr. Gert Suppelna nach Volmarstein und baute dort die Bereiche der Arthroskopie und Rheumatologie auf. Am 1.1.1986 übernahm er die Leitung für Rheumaorthopädie mit über 30 Betten. 1983 wechselte nach dem Ausscheiden von Dr. Garlepp Dr. Matthias Braun als Oberarzt in die Klinik.

Im Winter 1986/87 konnte der Umzug der OP-Abteilung in drei aseptische, einen septischen OP-Saal, einen Gipsraum, Aufwach-, Narkoseüberwachungs-, Sterilisations- und Akutversorgungsräume im Neu- und Verbindungsbau stattfinden. Die Lage der Ambulanz und Ergotherapieräume wurden verändert und es entstand eine Bettenzentrale. Die Klinik hatte zu diesem Zeitpunkt 180 Betten.

Seit der Fertigstellung des hochmodernen Operationstraktes im Jahr 1988 konnte die Klinik wieder allen Anforderungen der zunehmend operativ arbeitenden Orthopädie gerecht werden.

Im Jahr 1991 wurde die Klinik "Universitätsklinik der Universität Witten-Herdecke", was verdeutlicht, dass das gesamte Spektrum der Orthopädie und Rheuma-Orthopädie einer Universitätsklinik medizinisch abgedeckt wird. Ein Lehrstuhl der Universität wurde an den Chefarzt der Klinik, Prof. Dr. Wolfgang Becker, vergeben.

Am 27.5.1994 erfolgte die Einweihung des Südeinganges der Klinik. In diese großzügige Gebäudeerweiterung zog die Physiotherapie ein. Zudem schafften die neuen Räumlichkeiten Platz für die Einrichtung eines Bewegungsbades und der Cafeteria.

Prof. Dr. Wolfgang Becker wurde am 11.6.1996 auf der Vorstands- und Kuratoriumssitzung in den Ruhestand verabschiedet. Nur wenige Tage später, am 14. Juni, konnte die neue Intensivstation der Klinik eingeweiht werden.

Seit dem 22.11.1996 existierte als Nachfolge von Prof. Becker eine Chefarztgemeinschaft aus Dr. Matthias Braun, Dr. Johannes Hamel (bis 30.9.2000), Manfred Noack und Dr. Gert Suppelna, der zum Ärztlichen Leiter der Klinik gewählt wird.

Chefarzt Dr. Hamel wurde am 1.11.1998 zum Professor der Freien Universität Witten-Herdecke ernannt.

Der 1.5.2001 war der Dienstbeginn von Dr. Albert Marichal, der als Chefarzt der Anästhesie die Nachfolge von Dr. Kämmerer antrat, der ab 1. Juli 1978 diese Stelle inne hatte.

Im März 2004 begannen die Bauarbeiten rund um den alten Eingangsbereich. Zwischen dem OP-Gebäudetrakt, der 1988 eingeweiht wurde, und dem eigentlichen Bettenhaus errichtet die Evangelische Stiftung Volmarstein ein dreistöckiges Gebäude. Im Erdgeschoss wurden 2005 Räume für eine tagesklinikähnliche Versorgung im Bereich des ambulanten Operierens und der ambulanten Vorstellung der Patienten errichtet. In die erste Etage zogen die Intensivstation sowie die Tagesklinik für das ambulante Operieren ein. In der zweiten Etage wurden weitere Funktionsräume errichtet. Dieser Neu-bzw. Anbau musste wegen der Finanzschwäche der Öffentlichen Hand allein aus Eigenmitteln der Evangelische Stiftung Volmarstein finanziert werden.

Mit der Neubaumaßnahme sieht sich die Orthopädische Klinik gut positioniert, um der durch die Vorgaben des Gesundheitsstrukturgesetzes geforderten, verbesserten Verzahnung von ambulanten und stationären Behandlungsstrukturen noch besser entsprechen zu können. Parallel zur Neubaumaßnahme wird durch den Einbau weiterer Nasszellen die Strukturqualität der Patientenzimmer weiter verbessert.

Hinzu kam in jüngster Zeit durch Bildung der Sektionen für Kinderorthopädie (Chefarzt Dr. med. Benedikt Leidinger) ab 2007 und der Sektion für Tumororthopädie und Revisionschirurgie (Ltd. Arzt Privatdozent Dr. med. Carsten Gebert) eine Verbreiterung und Vertiefung des fachlichen Angebotes.


*Die Geschichte der medizinischen Entwicklung in Volmarstein fußt auf Berichten des ehem. Oberarztes Dr. med. Siegfried Laas sowie auf Archivdokumenten der Evangelischen Stiftung Volmarstein.